Informationen zur Wohngruppe Ada

1. Rahmen

1.1 Anonymität der Einrichtung/Schutzcharakter
Die Wohngruppe Ada ist eine der wenigen spezialisierten anonymen Schutzeinrichtungen in Deutschland, die für von Gewalt und/ oder Zwangsverheiratung betroffenen und bedrohten jungen Frauen Sicherheit und Schutz vor ihrer Familie bietet. Die Schutzeinrichtung Ada befindet sich in Niedersachsen, der genaue Standort ist anonym und wird nur bei einer Aufnahme bekannt gegeben.

Es stehen acht Plätze für mittel- und langfristige Unterbringungen für Mädchen im Alter ab 13 bis 21 Jahren zur Verfügung. Die Altersangaben sind variabel, je nach Einzelfall können z.B. auch jüngere Mädchen aufgenommen werden. Eine Aufnahme erfolgt ausschließlich nach Kostenzusage des vermittelnden Jugendamtes bis auf den Kriseninterventionsplatz (siehe Unterbringungsmöglichkeiten).

Die Einrichtung unterliegt einem besonderen Schutzcharakter, um die Mädchen/ jungen Frauen insbesondere vor Übergriffen der Familie zu schützen und um einen sicheren Rahmen  zu schaffen, in dem die Mädchen/ jungen Frauen zur Ruhe kommen und neue Lebensperspektiven erarbeiten können. Um die Anonymität und den Schutz der Mädchen und jungen Frauen zu gewährleisten, bestehen besondere Regeln bezüglich der Anonymität. Zum Beispiel darf weder die Adresse noch die Telefonnummer während und  nach dem Aufenthalt an Familie, Freunde oder Dritte weitergeben werden.



1.2 Die Mitarbeiterinnen
Es handelt sich aufgrund des religiösen und kulturellen Hintergrundes der Mädchen und jungen Frauen um ausschließlich weibliches pädagogisches Fachpersonal. Das Team besteht aus sechs Mitarbeiterinnen, von denen einige einen Migrationshintergrund mitbringen. Die Mitarbeiterinnen arbeiten migrationssensibel und können sich dementsprechend in die Mädchen/ jungen Frauen einfühlen bzw. einen guten Kontakt und Vertrauen zu ihnen aufbauen. Es werden folgende Sprachen von den Mitarbeiterinnen beherrscht: türkisch, persisch, englisch, französisch, spanisch und deutsch.

Die Mädchen haben eine Mitarbeiterin als Bezugsbetreuerin, mit der kontinuierliche Einzeltermine stattfinden. In diesem Rahmen ist der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung möglich, um belastende Erlebnisse zu besprechen und zu bearbeiten. Die Bezugsbetreuerin begleitet u. a. die Mädchen/ jungen Frauen bei der Entwicklung von Lebensperspektiven als auch bei Gesprächen und Terminen mit Ämtern, Schulen, Eltern etc.



1.3 Zielsetzung
Ein wichtiges pädagogisches Ziel ist die Schaffung eines sicheren Rahmens für die Mädchen und jungen Frauen, damit sie neue Kräfte sammeln und Erlebtes verarbeiten können. Daher stellt die psychische Stabilisierung sowie das konstante Beziehungsangebot durch das Bezugsbetreuungssystem eine wichtige Grundlage für die pädagogische Praxis dar.

Ein weiterer Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit ist die gemeinsame Perspektivplanung. Es werden weitere Schritte mit den Bewohnerinnen besprochen und vorbereitet. Hierbei handelt es sich z. B. um die Begleitung in die Selbstständigkeit. Bei entsprechenden Voraussetzungen kann auch die Rückführung in die eigene Familie das Ziel sein. In diesen Fällen ist es wichtig, dass die Betroffenen gestärkt und gefestigt auf der Grundlage einer positiven Hilfeerfahrung in ihre Familien zurückkehren. Viele der Mädchen, die nicht in ihr Familiensystem zurückkehren möchten, haben ambivalente Gefühle bezüglich ihrer Entscheidung und gegenüber ihrer Familie. Dies kann eine große Belastung für die Mädchen darstellen. Daher ist die Reflexion und Bewältigung bestehender Ambivalenzen für die Mädchen sowie für die Perspektivplanung bedeutend.

Weiterhin gehören die Stärkung eines positiven Selbstwertgefühls und die Förderung der Selbständigkeit zu unserer Arbeit. So ist eine der Hauptaufgaben, die Mädchen/ jungen Frauen in der Wahrnehmung und Reflexion ihrer Fähigkeiten und Stärken zu begleiten, zu unterstützen und zu ermutigen.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Identität, Religion sowie der Kultur(en) in Deutschland ist ebenso bedeutend. Die Betreuerinnen helfen widersprüchliche Situationen, die das Leben in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen und Wertesystemen mit sich bringt, zu erkennen und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Kulturelle Traditionen und Gewohnheiten werden in der Gruppe besprochen und entsprechend gelebt und berücksichtigt (z. B. Essgewohnheiten etc.).

Da einige der Mädchen/ jungen Frauen aufgrund eines isolierten Lebens kaum soziale Kontakte knüpfen konnten, kommt der Integration in das soziale Umfeld eine große Bedeutung zu. Das Leben in der Gruppe stellt hierbei einen ersten Schritt dar und ermöglicht eine Vielzahl an begleiteten Lernerfahrungen im interaktiven und kommunikativen Bereich.

Ein Großteil des Klientels hat traumatische Ereignisse erleben müssen und ist traumatisiert. Viele der Mädchen/ jungen Frauen leiden unter den Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Um die Betroffenen zu stabilisieren und bei der Bewältigung unterstützen zu können, kooperieren wir mit einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die u. a. Traumatherapie anbietet. Neben der therapeutischen Anbindung integrieren wir bei Bedarf traumapädagogische Instrumente und Methoden, die die Mitarbeiterinnen u. a. im Rahmen einer Ausbildung zur Traumapädagogin erworben haben.

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2. Zielgruppe

In der Schutzeinrichtung Ada können acht Mädchen/ junge Frauen mit und ohne Migrationshintergrund im Alter von 13 bis 21 Jahren aufgenommen werden. Der Altersrahmen ist jedoch variabel, es können auch jüngere oder ältere Mädchen bei entsprechenden Rahmenbedingungen aufgenommen werden.

Zielgruppe des Betreuungsangebotes sind Mädchen und junge Frauen,

  • denen eine Zwangsverheiratung droht oder die eine Zwangsverheiratung zu befürchten haben,
  • die zwangsverheiratet wurden und diese Verbindung auflösen bzw. sich distanzieren möchten,
  • denen eine Verschleppung ins Ausland droht oder die einer Verschleppung zum Opfer gefallen sind,
  • die physische, sexualisierte und/ oder psychische Gewalt in ihrer Familie und/ oder (Zwangs) Ehe erfahren haben,
  • die physische und/ oder psychische Gewalt zu befürchten haben, wenn sie eine Ehe auflösen oder nicht eingehen möchten,
  • für die eine Rückführung/ Unterbringung in Herkunfts- oder sonstige Familiensysteme z. Zt. nicht angebracht ist,
  • die aufgrund ihres kulturellen, religiösen Hintergrundes und familiärer Erwartungshaltungen nicht in gemischtgeschlechtlichen Wohngruppen integriert werden können,
  • die aufgrund ihres kulturellen, religiösen Hintergrundes und familiärer Erwartungshaltungen weibliches Betreuungspersonal für ihre weitere Entwicklung benötigen,
  • die auf Grund einer Schwangerschaft/ Geburt eines Kindes physische und/ oder psychische Gewalt  durch ihre Familie oder Partner zu befürchten haben.

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3. Unterbringungsmöglichkeiten

3.1 Im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme
In der anonymen Schutzeinrichtung Ada besteht die Möglichkeit einer Unterbringung in Form einer Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII.

Ebenso besteht die Möglichkeit einer mittel- bis langfristigen Unterbringung, falls eine Rückführung aufgrund gegebener Umstände nicht angebracht und/ oder gewünscht ist. Dieser Weg wird mit den Mädchen/ jungen Frauen mit all seinen Folgen eingehend besprochen, vorbereitet und in letzter Konsequenz begleitet. Es wird somit neben der Versorgung und der sozialpädagogischen Betreuung eine differenzierte Problemanamnese mit Gefahrenanalyse im Gesamtkontext der Betroffenen erstellt. Es erfolgt eine intensive Perspektivplanung über die Krisensituation hinaus.

Die Schutzeinrichtung Ada nimmt ebenso nach § 19 SGB VIII junge Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund auf, die durch die Schwangerschaft/ Geburt eines Kindes in eine Krise geraten sind und nicht in ihrem Herkunftssystem oder mit ihrem Partner zusammenleben können. Diese Mädchen/ junge Frauen sind mit der Situation der Schwangerschaft und/ oder mit der Pflege sowie Erziehung des Kindes derzeit überfordert und können von Seiten der Familie keine Unterstützung erwarten.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, eine Verselbständigung für die Mädchen/ jungen Frauen in Form einer mobilen oder flexiblen Betreuung zu initiieren. Entsprechende Angebote in dieser Form halten wir ebenfalls für Paare oder junge Männer vor.

Eine mittel- bis langfristige Unterbringung der Mädchen und jungen Frauen in der Wohngruppe Ada ist nur dann möglich, wenn das Mädchen/ die junge Frau keine Verwandtschaft vor Ort hat und die Anonymität gewahrt wird.

Eine Aufnahme kann nur erfolgen, wenn eine Kostenzusage des vermittelnden Jugendamtes vorliegt.

Rechtsgrundlage für eine Aufnahme sind folgende Paragrafen: §§ 19, 27, 34, 41, 42 SGB VIII).


3.2 Kriseninterventionsplatz
Die Wohngruppe Ada verfügt zudem über einen Kriseninterventionsplatz, der vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung finanziert wird. Dieser Platz steht exklusiv jungen Volljährigen aus Niedersachsen zur Verfügung, die sich in akuter Gefahr befinden und bei denen bisher keine Finanzierungszusage des zuständigen Jugendamtes erfolgt ist. Es wird somit eine kurzfristige, unbürokratische Aufnahme rund um die Uhr, auch an Sonn- und Feiertagen, ermöglicht.

Diese Möglichkeit einer kurzfristigen Aufnahme ohne Kostenzusage des Jugendamtes ist für den Kreis der jungen Volljährigen sehr bedeutend. Hier greift nicht §42 SGB VIII und somit verlangen Kostenzusagen für Inobhutnahmen oft langwierige innerbehördliche Klärungen, auf die die betroffenen jungen Frauen nicht warten können, da sie sich akut in Not befinden.

Der Kriseninterventionsplatz soll zur Überbrückung der Zeit dienen, die zur Überprüfung der Hilfeleistungen erforderlich ist. Wird seitens des Jugendamtes ein Hilfebedarf festgestellt, sind die Kosten der Unterbringung ab Antragstellung vom Jugendamt des Heimatortes zu leisten. Die Verweildauer hängt vom individuellen Fall und davon ab, wie die beteiligten Parteien und Institutionen zusammenarbeiten. Maximal beträgt die Verweildauer auf dem Kriseninterventionsplatz vier Monate.



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4. Aufnahmeverfahren

Gemäß den Unterbringungsmöglichkeiten ist eine Kostenzusage des Jugendamtes für eine Aufnahme erforderlich. Beim Kriseninterventionsplatz ist eine Zusage jedoch nicht erforderlich.

Eine Aufnahme kann in Absprache mit der Betreuung rund um die Uhr und an jedem Wochentag erfolgen, es bedarf hierfür einer entsprechenden Organisation.

Beim Kriseninterventionsplatz besteht die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Krisentelefon gegen Zwangsheirat und anderen Beratungsstellen sowie Polizeidienststellen eine schnelle und unbürokratische Aufnahme durchzuführen.

Unabhängig davon ist für die Wahrung der Anonymität des Mädchens sowie der Wohngruppe es erforderlich, dass ein Telefonat mit dem Mädchen/ der jungen Frau vor einer Aufnahme erfolgt, in dem ausdrücklich auf den Schutzcharakter und den daraus resultierenden Regeln hingewiesen wird. Mit diesen Regeln und Grenzen müssen sie sich vor Aufnahme einverstanden erklären. Bei der Aufnahme müssen die Mädchen zudem in einer schriftlichen Vereinbarung versichern, keine Informationen über ihren Aufenthaltsort an Dritte weiter zu geben.

Ferner kann in einem Telefonat geklärt werden, in welchen Städten das Mädchen/ die junge Frau Verwandtschaft hat, um vorab zu klären, wie lange und unter welchen Schutzmaßnahmen das Mädchen/ die junge Frau aufgenommen werden kann. Nach einer Aufnahme wird mit dem Mädchen/ der jungen Frau zudem eine Gefahrenanalyse mithilfe eines standardisierten Fragebogens durchgeführt, an deren Ende zusätzlich zu den allgemeinen Schutzmaßnahmen individuelle Sicherheitsvorkehrungen erarbeitet werden.

Da wir als Jugendhilfeträger weitere Einrichtungen unterhalten und mit anderen Trägern vernetzt sind, können wir im Bedarfsfall eine umgehende Verlegung zum Schutz der Bewohnerin gewährleisten.

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